Brand bei den Norddeutschen Eiswerken in Plötzensee 1913

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In einer Eisfabrik
Bericht von 1895
Text eines
Denkmal-
schützers
Die
Eismaschine
Rummelsburg
1886
Natureisgewinnung
bei den
Norddeutschen Eiswerken 1896
Eisernte
Brand in Plötzensee
Eisspeicher Plötzensee

Hier brannten die Lager der Eiswerke in Plötzensee.
500.000 Centner Eis - waren verloren...
Eiswerke mit Natureis-Einlagerung brannten häufig wegen der Holzwolledämmung nieder.



Berliner Lokal - Anzeiger; 30.Juli1913

Grossfeuer in den Nordeutschen Eiswerken.

Ein Knabe durch Explosion getötet, ein Feuerwehrmann schwer verletzt.



In der heutigen Nacht wurden die Norddeutschen Eiswerke in Plötzensee von einer verheerenden Feuersbrunst heimgesucht. Das gewaltige Flammenmeer, dem die Wehren der benachtbarten Vororte und Berlins zunächst machtlos gegenüberstanden, hatte eine zahllose Menschenmenge nach dem Brandherd gelockt, so daß ein starkes militärisches Aufgebot unter schwierigen Verhältnissen für Absperrung sorgen mußte.

Bei der Explosion eines Ammoniakbehälters verlor ein Kind das Leben, und ein Feuerwehrmann wurde schwer verletzt.

Über den Brand, der wegen riesiger Rauchschwaden, die über Großberlin hinzogen, von weither beobachtet wurde, erhalten wir nachstehende Schilderung:

Unmittelbar am Plötzensee liegt das ausgedehnte Terrain der Norddeutschen Eiswerke: zwei große Eisschuppen, fünf Pferdeställe, vier große Eiselevatoren, ein Direktionsgebäude und eine Maschinenhalle.

Das Feuer entstand vermutlich durch Kinder, die den Zaun, der das Terrain der Eiswerke nach der Jungfernheide zu abschließt, durch spielen mit Streichhölzern den Brand setzten.

Der Wind trieb die Funken auf die Eisschuppen und im Nu standen die sechzig Meter langen, vierzig Meter breiten und zwanzig Meter hohen Schuppen in hellen Flammen.

Die Frau des Hausinspektors Rüllendorf bemerkte zuerst den Brand und alarmierte durch Hilferufe das Personal der Werke, das aber gegen die Flammen nichts ausrichten konnte. Wenige Minuten später traf der erste Zug auf der Brandstelle ein. Auf die Meldung „Grossfeuer" folgten jedoch schon kurz hintereinander sechs andere Züge der Berliner Wehr, ferner die ganze Charlottenburger Wehr und die freiwilligen Wehren von Plötzensee, Reinickendorf, Tegel und Wittenau. Inzwischen war das Feuer auf die Ställe übergesprungen, in denen

achtzig Pferde in Gefahr des Verbrennes

schwebten. Die Tiere, die wild um sich schlugen, waren in der größten Bedrängnis. Es gelang aber mit Hilfe von Mannschaften des zweiten Luftschiffbataillons, sämtliche Pferde zu retten.

Auf der Brandstelle übernahm Oberbrandmeister Dransfeld für den beurlaubten Branddirektor Reichel die Leitung der Löscharbeiten, die an den Mut und die Selbstverleugnung der Mannschaften ganz ungeheure Anforderungen stellten.

Das ganze ausgedehnte Terrain glich einem Glutofen. Die Flammen fanden an dem ausgetrocknetem Holz der Schuppen nur zu reichlich Nahrung, und viele Meter hohe Stichflammen und beisender Qualm erschwerten die Löscharbeiten außerordentlich.

Das Bedenklichste war die Explosionsgefahr des mächtigen Kessels im Maschinenraum. Durch rechtzeitiges ausblasen der Feuerung wurde jedoch diese glücklich beseitigt. Dagegen hegten die Wehren eine andere Sorge, denn

mehrere Ammoniakfässer explodierten,

die in einem Nebenraum lagen. Unter gewaltigem Getöse überschütteten sie die Löschmannschaften und die Zuschauer mit einem Regen von glühenden Balken und Eisenteilen. Dabei wurde der 14 jährige Knabe Paul Knebel aus der Beusselstraße 49 von einem durch die Luft geschleuderten Balken getroffen und zermalmt. Zwei seiner Spielkameraden kamen mit leichten Verletzungen davon.

Ein weiteres Opfer forderten die Flammen bei den Löscharbeiten selbst. Der Feuerwehrmann Balzer vom Zug 20 stürzte von einem Gerüst in die Glut und wurde mit schweren Brandwunden nach dem Virchowkrankenhaus gebracht.

In der zehnten Stunde war die Hauptgefahr beseitigt. Von dem ganzen großen Komplex standen nur noch das Direktionsgebäude und der Maschinenraum. Die beiden riesigen Schuppen, die ausgedehnten Pferdeställe und die vier Elevatoren sind vom Erdboden verschwunden. Nur einzelne verkohlte Barren ragen noch in die Luft.

Der Schaden läßt sich in seiner ganzen Höhe noch nicht ermessen, er ist jedoch im ganzen Umfange durch Versicherungen gedeckt.

Noch um Mitternacht loderten die Flammen immer wieder auf, so daß der 15. Zug als Brandwache auf den Eiswerken bis zum Morgen blieb.

Der gewaltige Feuerschein, der bis nach Tempelhof zu sehen war und den Abendhimmel in weitem Umfange blutigrot färbte, hatte Tausende und aber Tausende von Zuschauern nach der Brandstelle gelockt. Zu Fuß und zu Wagen strömten die Massen herbei und umlagerten die brennenden Gebäude derartig, daß die Feuerwehr stellenweise nicht passieren konnte und die polizeilichen Absperrungen durchbrochen wurden.

Schließlich wurde eine Kompagnie des vierten Garderegiments alarmiert, die feldmarschmäßig im Laufschritt in Plötzensee eintraf und die Menschenmenge zurücktrieb. Wie rücksichtslos sich die Menschenmassen benahmen geht daraus hervor, daß viele Schläuche der Feuerwehr beschädigt wurden und stellenweise die Löscharbeit dadurch in Frage gestellt worden war.

Stimmungsbild an der Brandstätte.


Das Auto huscht nach dem Norden hinauf. Friedliche Stille der Sommernacht. Am Kanal spazieren die Pärchen, auf den Bänken sitzen geruhsame Leute, die sich von der Tagesarbeit erholen.

Nichts deutet auf ein erregendes Ereignis hin. Aber plötzlich besäht sich der Asphalt mit Funkensternen, wie sie von den Fackeln der Feuerwehr hinterlassen werden. Vor uns kreuzen einige Löschzüge den Weg. Es sind Ablösungstransporte, die nach der Brandstätte eilen.

In eisener Ruhe sitzen Offiziere und Mannschaften auf den Wagen; sie wittern ihr Element: Feuer und Rauch. Schon trägt der Wind den brandigen Geruch herüber. Flugfeuer flammt durch die Nacht, das schweigsame Ufer wird lebendig.

Tausende und aber Tausende Menschen tauchen jäh aus der Dunkelheit auf, über ihnen wie Inseln im Meere reitende Schutzleute und Gendarmen. Mühselig zwängt das Auto des Berichterstatters sich jetzt vorwärts. Schläuche allenthalben in den Weg verstreut, sperren die Passage, dichter und immer dichter schieben sich die Menschenmassen an den Wagen heran.
Aber ein freundliches Wort an die Menge: „Zeitungsdienst!" - die Reihen öffnen sich willig und schließen sich wieder.

An der Eingangspforte zu den Eiswerken machen wir halt.
„Gehen Sie nicht weiter!" warnte ein Feuerwehroffizier, „Sie können nichts sehen, der Rauch ist zu stark!"

Aber im Dienste der Pflicht muß es versucht werden. Es ist ein Tasten in der Finsternis.

Ein Baum dient als Richtschnur, dann ein zweiter, ein dritter. An diesem gebieten Qualm und Feuer ein entschiedenes Zurück.

Beängstigend legt sich der scharfe, übelriechende Dunst auf die Brust, die Windrichtung ist so ungünstig, daß auf drei Schritte nichts mehr zu sehen ist. Durch die Luft schwirren Funken, werden weithin in die Menge geblasen, flattern zurück, gauckeln und schließen sich wieder zum feurigen Reigen.

Aus der Dunkelheit ragen hohe Gestänge, vielleicht 20 Meter hoch und darüber. Wie Telegraphenanlagen stehen sie nebeneinander, weißlich glühend. Auf ihnen tanzen und gleiten die Funken, ein Brillantfeuerwerk ohnegleichen!

Bald legen sich die Schleier der Nacht auf die seltsame Erscheinung, bald werden sie vom Winde getrieben und auseinandergerissen, so daß minutenlang wiederum das Holz weißglänzend schimmert. „Das ist der Rest des Eisschuppens," sagt der Branddirektor von Charlottenburg, „was Sie da sehen, sind die Balken, die noch stehen geblieben sind.

Mehr war nicht zu retten. Aber die Nachbargebäude haben wir erhalten, voraussichtlich eine Explosion verhütet und eine Menge Pferde gerettet.
Leider ist ein Knabe tödlich verletzt worden und ein anderer zu Schaden gekommen. Im übrigen: 15 Rohre! Guten Abend."

Mit geschäftsmäßiger Kühle wickelt sich nicht nur der Löschdienst, sondern auch die Arbeit der Samariter, der Sanitätskolone, der auf dem Platze erschienen Rettungsstellen der Stadt Berlin und des Verbandes für erste Hilfe ab. Das Kontor der Eiswerke, das sich am Eingang befindet, war in eine Feldwache umgewandelt worden, aus der die Befehle kamen und gingen. Ueberall schoben sich über den Platz die Mannschaften des 4. Garde-Regiments zu Fuß, die den Absperrungsdienst versahen, und die Luftschiffer.

Die Anwohner waren der Dankbarkeit voll für die militärische Hilfe, und namentlich den Luftschiffern wurde das Kompliment gemacht, daß sie außerordentlich viel zur Rettung der Pferde beigetragen haben.

„Drei Pferde sind verbrannt", erzählte die Frau des Platzverwalters. „Mir zittern noch die Knie vor Schreck, Denken Sie! Abends gegen acht fing auf einmal der Zaun zu brennen an.
Ich sehe es und laufe nach der Gießkanne. Mein Mann sieht es auch und rennt nach der Feuerwehr, aber ehe er zurückkommt, brennt der Pferdestall schon. Drei Minuten später steht schon der große Schuppen in Brand.

Wir haben das unsrige getan und die Feuerwehr schnellsten verständigt. Aber als sie kam, war gar nichts mehr zu machen. Es brannte alles wie Zunder.

Wie das gekommen ist? Die Kinder haben mit Streichhölzern gespielt und den Zaun angezündet. Ein Knabe hat dann als Zuschauer ein Schlag vor den Kopf bekommen und ist getötet worden. Dann wurde noch ein Kind verletzt, und auch ein Feuerwehrmann mußte in das Krankenhaus gebracht werden.

In den letzten Stunden haben wir eine furchtbare Angst und Aufregung ausgestanden. Als Glück im Unglück sehe ich, daß das früher auf dem Platze befindliche Petroleumlager geräumt worden ist.

Seit dem 1. Juli ist das Lager leer. Wer weiß, was sonst passiert wäre. In meine Wohnung kann ich nicht hinein, es ist jetzt nach drei Stunden noch nicht möglich, durch den Qualm nach unserem Hause durchzudringen.

Aber die Kinder haben wir glücklich herausgeholt und unseren Piepmatz."

- Mitternacht, das Groß der Feuerwehren ist abgerückt, aber starke Abteilungen halten die Brandwache. Immernoch flattert der Funkenregen, immernoch glänzt das Feuerwerk des brennenden Gestänges durch die Nacht.

„Wir können uns auf zwei Tage Löschdienst und Aufräumung gefaßt machen!" meint ein biederer Feuerwehrmann gemützruhig.
                  M.C.

Die Norddeutschen Eiswerke,

Aktiengesellschaft, wurden im Jahre 1872 gegründet. Die Gesellschaft hat ihren Sitz in der Köpenicker Straße 40/41; seit 1873 hat sie eine Zweigniederlassung in Hannover.

Sie Erwarb zunächst die Eiswerke in Rummelsburg und Köpenick und errichtete 1883 eine neue Kunsteisfabrik.

1890 kaufte sie das Moabiter Eiswerk am Plötzensee und den zugehörigen Heiligensee an, den sie später aber wieder verkaufte.
Außer dem Eisgeschäft betreibt sie die Vermietung und sonstige Ausnutzung ihrer Kühlhäuser sowie den Handel mit Brennstoffen.

Im Jahre 1912 wurde das Petroleumgeschäft an die Deutsch-Amerikanische Gesellschaft verkauft.

Im September 1902 brach ein großer Brand in den der Gesellschaft gehörenden Köpenicker Eiswerken aus, der einen Schaden von 150,000 M verursachte.

Seit geraumer Zeit befaßt sich die Verwaltung mit dem Plan, auf ihrem Grundstück Köpenicker Straße eine neue große, moderne Eisfabrik zu erbauen.

Ende


In der Ausgabe der Berliner Morgenpost vom selben Tage wird der Knabe Paul Knebel aus der Beusselstraße als verletzt erwähnt.
Ein weiterer Junge wird durch die Explosion in den Plötzensee geschleudert, aber unverletzt herausgezogen. Ein weiterer Junge Namens Götzig vom Königsdamm wird von einer umherfliegenden Eisenstange getroffen und seine linke Köperhälfte schwer verletzt.
Der getöte Junge sei noch nicht identifiziert.
Beim Abrücken der Feuerwehr gerieten zwei Mädchen unter die Wagen und wurden schwer verletzt.

Auch 80 Pferdewagen wurden vom Feuer vernichtet. Der Schaden wurde auf über eine halbe Millionen Mark geschätzt.

Die Maße der Schuppen wurden mit 120 m Länge 30 m Breite und 15 m Höhe angegeben.


Von einem Brand der Eiswerke in Rummelsburg berichtet das Teltower Kreisblatt am 29.Januar 1876:

Den Hinweis auf den Link erhielten wir von Herrn Heintze.


Plötzensee war und ist auch bekannt durch seine Badestelle, an deren Beginn wie fast überall in Berlin eine militärische Nutzung stand.

Militärschwimmanstalt Plötzensee

Badeanstalt Plötzensee
Badeanstalt Plötzensee
Zeichnungen von der neuen Badeanstalt der Herrn Pantzer in Plötzensee von 1906
Entwurf vom Zimmermeister Heinrich Schwien in Berlin

Auch bekannt ist der Knast.

Gefängis Plötzensee


Die Faschisten ermordeten hier vorwiegend ihre politischen Gegner, woran die Gedenkstätte an der ehemalige Hinrichtungsstätte erinnert.

Heute sitzen hier vorwiegend Gefangene ein, die sich keinen Fahrschein leisten konnten.


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Kein Abriss der Eisfabrik!!!!


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