Die Treuhand und die Berliner Kühlhaus GmbH

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Aus dem Buch von Martin Flug

Treuhand-Poker.
Die Mechanismen des Ausverkaufs

Ch. Links Verlag, Berlin 1992 Broschiert, S.135-137
ISBN 3-86153-028-7


Die Schockfrost-Therapie

Wenn in den Kühlhäusern die Temperaturen auf Minus 40 Grad absinken, nennt man das Schockfrosten. Aber was Lebensmittel vertragen, ist für den Menschen ein tödlicher Vorgang.

Tödlich verlief bisher für die Berliner Kühlhaus GmbH auch die Zerstückelungsstrategie der Treuhand.

Teile meistbietend mit Gewinn verkaufen, so war es beabsichtigt. Störend stand die MBO-Strategie des Betriebes dagegen, dessen Belegschaft den eigenen Betrieb "unzerlegt" kaufen wollte.


Doch das Ressort Sondervermögen Land- und Forstwirtschaft der THA mahnte Geschäftsführung und Betriebsrat, sich mit der eigenen Strategie auf dem Markt zu bescheiden. [61]
In einem Schreiben vom 18. Oktober unterstellte die Anstalt Zustimmung des Betriebes zu folgendem: "Die nunmehr beabsichtigte Teilveräußerung dieser Niederlassung (Köpenicker Straße d.A.) hat die Treuhand entschieden." Eventuelle Nachteile daraus habe nicht die Treuhandanstalt, sondern selbstverständlich das Unternehmen selbst zu vertreten.

Dabei ist das MBO-Projekt durchdacht. In einer öffentlichen Ausschreibung fand der Betrieb selbst einen finanzkräftigen Investor - eine Initiative, über die doch die Treuhand glücklich sein könnte.

Die Süd-West- Beteiligungen Kapitalvermittlungs-GmbH Co. (SWB) wollte, gemeinsam mit den Anteilen der Belegschaft, für die drei Kühlhäuser des Betriebes in Berlin und für das Kühlhaus in Frankfurt /Oder eine Kaufsumme von 8,5 Millionen DM aufbringen.

Ferner wollte man den knapp 300 verbliebenen Arbeitskräften (von einst 560) sichere Arbeitsplätze für drei Jahre bieten.
Außerdem erklärte sich die SWB zu Investitionen (Höhe 32 Millionen DM), unter anderem für ein neues Kühlhaus, bereit. Zu diesem Zeitpunkt schrieb das Unternehmen schwarze Zahlen.

Die Mehrzahl der Beschäftigten zeichnete Anteile zwischen 100 und 5000 DM, um das MBO-Projekt finanziell sichern zu helfen.

Dagegen interessierten sich die Bieter der THA nur für die Grundstücke; lediglich ein einziges Angebot sicherte 130 Arbeitsplätze.

Trotzdem befürwortete der Treuhand-Verantwortliche den Einzelverkauf von Unternehmensteilen.

Sein Name: Michael Heimann. Seine Funktion zu DDR-Zeiten: im DDR-Landwirtschaftsministerium für Kühlhäuser "verantwortlich".
Seine Strategie zum "Überwintern" ist ihm vielleicht wichtiger als die Zukunft des ihm unterstellten Betriebes?

Heimann am Telefon: „Welche Kühlhaus GmbH? Ach so ... die Berliner. Dazu sage ich nichts.
Es nützt auch gar nichts, wenn Sie mit ihren Fragen herkommen.
Die Treuhand gibt grundsätzlich zu laufenden Verhandlungen keine Auskünfte.
Nur soviel: Wir räumen der Kühlhaus GmbH die selben Chancen ein, wie auch allen anderen potentiellen Käufern.
Wie es ausgeht, kann ich nicht sagen.
Arbeitsplätze?
Sicher, die wollen wir auch.
Doch eine sozialverbrämte Zusicherung ist nur die eine Seite, wir brauchen dafür finanzielle Sicherheiten.
Ob sich daraus eine Abneigung gegen das MBO-Vorhaben der Kühlhaus-Belegschaft schließen lässt?
Also, bitte, entschuldigen sie mich.... [62] "

Früher hängte man sich das "soziale Sozialismus-Mäntelchen" um heute redet man von "sozialverbrämt". Finanzielle Sicherheiten?

Schnell hat mancher seine Lektion der Marktwirtschaft gelernt. Das sind die ostdeutschen "Manager", die in der THA eine gute Arbeit leisten und angeblich für die Anstalt so unersetzlich sind. Für wen leisten sie welche gute Arbeit?

Erschwerend wirkt allerdings, daß vom Land Berlin aus dem Einigungsvertrag abgeleitete Ansprüche an das Gelände für Olympia 2000 vorliegen und das solche Ansprüche berechtigt sind.

Doch über den geplanten Rausschmiss im Sommer 1992 wollte der Senat noch einmal verhandeln.

Die Kühlhaus GmbH will sogar räumen, braucht aber ein Äquivalent auf einem anderem Gelände.

Alles ist vorerst offen, doch die Erfahrungen bei ähnlich gelagerten Projekten lassen wenig Gutes für die Mitarbeiter erwarten.


[61] Vgl.: Die Wirtschaft. 46/1991. S.3.

[62]Ebenda

Kein Abriss der Eisfabrik!!!!


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